Die Apotheke am Domplatz ist alteingesessen. Sie besteht dort seit Ewigkeiten. Es ist ein 5-stöckiges Jugendstilhaus mit vielen großen Fenstern, viel Fassadenschmuck, geschwungenen Balkonen und verspielten schmiedeeisernen Geländern. Große satansgleiche Missgeburten ragen weit aus der Wand heraus und tragen die Balkone mit schmerzverzerrten Fratzen. Die mystischen, hässlichen Fratzen und Dämonen sollen die bösen Geister verschrecken – alter Aberglaube tief aus dem Mittelalter – passt aber irgendwie auch zu der Apotheke. Ein fast geheimnisvolles Gemisch aus Medizin, Gift und Pharmazie, das an der Fassade zu Stein erstarrt ist. Als wäre die Geschichte der ratsuchenden Kranken über Jahrhunderte in die Außenfassade gemeißelt. Eine groteske Vorstellung: schmerzverzerrte Gesichter, halb Mensch, halb Kreatur, ein Zwischending zwischen Missgeburten, Gnomen, Satan und leidenden Gesichtsausdrücken, so als würden die Geschichten und Leidenswege aus der Apotheke nach draußen dringen und außen an die Wand geschlagen, lauschenden und sprechenden Außenwänden gleich.
Die Apotheke ist im Erdgeschoß. Die sechs großen Rundbogenfenster sind auch noch um 19 Uhr hell erleuchtet. Die Fenster, unterteilt durch geschwungene Holzstreben, die symmetrisch gleich einem großen Baum die Rundbogenfenster unterteilen, unten wie bei einem ausufernden Wurzelwerk und oben wie auseinanderstrebende Äste. Es sind dekorativ geschwungene Linien aus Holz, gefüllt mit bunt verglasten Einsätzen mit meist gelblichen und orangefarbenen floralen Ornamenten, sodass sie wie große Blumen von innen nach draußen leuchten. Es stehen noch einige Kunden in der Apotheke, die ihre Rezepte einlösen möchten, auf angerührte Salben, gemischte Pasten oder bestellte Tabletten warten. Große, braune, reichlich verzierte hölzerne Apothekerschränke, viele alte Vitrinen kontrastieren zu den weiß gestrichenen kahlen Wänden. Viel Stuck ist an der Decke. Ein dunkelbrauner Parkettboden, Fischgrätmuster, verschiedentlich schon stark abgetreten, rundet das gediegene Bild ab.
Der Apotheker und 4 PTAs bedienen noch die letzten Kunden. Eigentlich schließt die Apotheke um 19 Uhr. Die Domglocken beginnen gerade zu schlagen, doch die Tür ist noch offen. Es kommen noch neue Kunden herein. Einer schaut sich die Teemischungen, ein anderer die Kräuterpastillen an. Der letzte Glockenschlag verklingt. Der eine Kunde möchte noch Halsschmerz- und ein weiterer gerne Kopfschmerztabletten. So geht das bis etwa zehn nach sieben, so ist das jeden Tag. Die Apotheke läuft gut. So langsam kann dann auch der letzte Kunde bedient werden, der sich vielmals bedankt, dass er noch gerade so hereinschlüpfen durfte. Gegen 19:15 Uhr schließt dann der Chef die Tür zu. Aufräumen, wischen, noch ein paar Kleinigkeiten vorbereiten, die „Giftschränke“ abschließen, und dann gehen schon die ersten Mitarbeiter. Der Chef zieht sich in sein Arbeitszimmer an seinen PC zurück. Er macht den Kassenabschluss. Mehr wissen die Angestellten nicht. Was er genau macht, wissen sie auch nicht. Es stört ihn auch keiner. Es ist ein eingespieltes Ritual: nachdem der letzte Kunde bedient und die Tür abgeschlossen ist, gehen die letzten Handgriffe wie von selbst. Aufräumen, sauber machen, Vorbereitungen für morgen, alles abschließen, Kühlschränke kontrollieren, fertig. Jeder will schnell nach hause. Da muss jetzt jeder Handgriff sitzen. Da hat keiner Lust auf Smalltalk. Da hat keiner Zeit dafür. Erst recht guckt keiner nach dem anderen. Jeder weiß, was zu tun ist. So ist auch der Chef unbeobachtet und ungestört. Er holt den Commander aus der Schublade hinter der Doppeltür in seinem alten Schreibtisch und schließt ihn an den PC an.

About Jörg Burkhard

Rechtsanwalt, Fachanwalt für Steuerrecht, Fachanwalt für Strafrecht, Spezialist für Betriebsprüfung, streitiges Steuerrecht, Steuerfahndung, Zollfahndung, Arbeitgeberstrafrecht, Zollstrafrecht, Selbstanzeige, Tax Compliance

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