Anna, 70, und Ernst, 72, sind seit 44 Jahren verheiratet. Sie wohnen im Odenwald – in der Nähe von Dieburg. Das ist in Hessen, südlich von Frankfurt, östlich von Darmstadt. Es ist ein kleiner Ort mit rund 2.000 Einwohnern. Sie haben ein schönes Haus mit großem Garten. In der Doppelgarage steht ein alter Mercedes 280 CE, 10 Jahre alt, top gepflegt.
Sie haben ein Problem: ihr Konto in der Schweiz. Früher, als Ernst noch die Metzgerei besaß, hatte er immer mal Gelder in die Schweiz gebracht. Das Konto hatten sie schon bestimmt 20 oder 25 Jahre, so seit Ende der 80er oder zumindest Anfang der 90er. So genau wissen sie es nicht mehr. Später sei dann irgendeine Zinssteuer in Deutschland eingeführt worden und da hätten viele Bekannte und Freunde dann auch ein Konto in der Schweiz haben wollen. 1 Da hatten sie aber ihr Konto schon einige Jahre. Es ist immer was dorthin gebracht worden. Meist im Zusammenhang mit einem Urlaub in der Schweiz. Abgehoben wurde eigentlich nie etwas. Allenfalls haben sie nicht alles einbezahlt, sondern ein paar tausend DM für das Hotel, die Skipässe und den Urlaub ausgegeben. Aber seit Ende 1997 sind sie beide nicht mehr Ski gefahren. Das war das Jahr, in dem er stürzte und dann lange an dem Bruch litt. Sie hatte Angst, sich auch zu verletzen und hörte ebenfalls mit dem Skifahren auf. Seitdem waren sie seltener in der Schweiz gewesen. Wegen dem Geld mussten sie auch nicht hin, sie hatten schließlich eine Vermögensverwaltung. Sie müssen da keine Entscheidungen treffen, was sie kaufen und verkaufen. Das macht alles die Frau Brettschneider, bzw. die Vermögensverwaltung. Die kümmerte sich um alles.

Anna weiß noch, wie sie immer aus Sicherheitsgründen von öffentlichen Telefonzellen aus in der Schweiz anriefen. Zu Hause hatte sie keine Unterlagen. Keine Kontoauszüge, keine Visitenkarte, keinen Stadtplan, nichts. Sie hatten immer Angst gehabt, dass bei ihnen was gefunden werden könnte. Also hatten sie auch nie etwas mit über die Grenze gebracht. Die Telefonnummer konnten sie auswendig. Ihre Betreuerin war Frau Brettschneider. Auch eine Deutsche, die bei der UBS in Basel die deutschen Kunden betreute.

Sie hatten extra kein Konto auf ihren Namen, es war ein Nummernkonto – es waren die Zahlen des Geburtstages ihrer Tochter. 02041972. Das konnten sie sich gut merken.

Anna weiß noch, wie sie und ihr Mann zu den Telefonzellen fuhren – er telefonierte dann mit der Schweiz. Sie nicht. Zusammen passten sie ja auch gar nicht in die enge Telefonzelle hinein. Die war schon voll, wenn ihr Ernst da drinnen war.

Mittlerweile ist Frau Brettschneider nicht mehr für sie zuständig. Ein junger Mann, Furrill oder so ähnlich. Den hatten sie noch nicht persönlich kennengelernt. Frau Brettschneider ist zwar noch in der Bank und ab und zu haben sie sie noch vertretungsweise mal am Telefon, aber sie müssen sich an Herrn Furrill wenden.

Sie hatten im Frühjahr 2014 eine Einladung zu einem persönlichen Gespräch in ihrer Bank bekommen. Das hatten sie aber noch nicht wahrgenommen, nur zwei-, dreimal mit Herrn Furrill telefoniert. Auch über eine Telefonzelle. Es war mittlerweile gar nicht mehr so einfach, Telefonzellen zu finden. Früher standen die fast an jeder Ecke. Dreiseitig aus Glas, später Plexiglas. Außen gelb, innen gelb, der Apparat silbergrau, graue Plastikhalterungen für die hängenden Telefonbücher, die man nach oben klappen und dann aufschlagen konnte. Häufig mit zerrissenen oder zerfetzten Telefonbüchern – oder sie fehlten komplett – und häufig nach Urin stinkend. Mit meist sperrig sich im Halbkreis aufschiebenden Türen – die sie dann offen ließen und dabei telefonierten, weil es an warmen Sommertagen mit geschlossenen Türen und Uringestank gar nicht da drinnen auszuhalten war. Sie erinnern sich, dass teilweise die Telefonschnüre abgeschnitten, Scheiben eingeschlagen waren bzw. später, als die Glasscheiben durch Plexiglasscheiben ersetzt worden waren, diese angeschmort oder besprüht waren … und hin und wieder die Telefonzellen nicht funktionierten, das Geld durchfiel oder sonst was defekt war. Deswegen hatten sie früher so zwei oder drei Telefonzellen, die sie ansteuerten, wenn die zuerst aufgesuchte defekt war oder zu sehr stank.

Fußnoten:

  1. Die Zinsabschlagsteuer wurde zum 01.01.1993 eingeführt. Sie sorgte zunächst für viel Empörung unter den Bürgern. Riesige Geldströme setzten sich ab Bekanntwerden des Gesetzesvorhabens zur Einführung der Zinsabschlagsteuer im August 1992 Richtung Schweiz, Liechtenstein. Luxemburg in Bewegung. Um den Ärger etwas zu mildern und die Geldabwanderung zu vermeiden bzw. zu reduzieren, wurde der damals der Sparerfreibetrag von 600 DM auf das Zehnfache auf 6.000 DM für Einzelveranlagte (bei Ehegatten das Doppelte) angehoben. Als im Jahr 2009 der Wechsel auf die Abgeltungssteuer vollzogen wurde, senkte die Regierung den Sparerfreibetrag wieder auf 801 Euro für Alleinstehende. Die Zinsbesteuerung wurde erst zum 01.01.1993 dahingehend geändert, dass die Erträge bereits als Vorauszahlung besteuert werden. Betroffen sind sämtliche Zinseinnahmen, gleichgültig, ob es sich um Zinsen von Anleihen, Optionsanleihen, Auslandsanleihen, Bundesschatzbriefen oder Sparbüchern handelt.

About Jörg Burkhard

Rechtsanwalt, Fachanwalt für Steuerrecht, Fachanwalt für Strafrecht, Spezialist für Betriebsprüfung, streitiges Steuerrecht, Steuerfahndung, Zollfahndung, Arbeitgeberstrafrecht, Zollstrafrecht, Selbstanzeige, Tax Compliance

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